Freigestellte Praxisanleitung im OP – als Srukturelement begreifen

 

Struktur statt Zufall: Freistellung als Entscheidung der Einrichtung

Freigestellte Praxisanleitung ist keine Frage der Person, sondern eine Entscheidung über die Struktur. Diese These habe ich am 8. Oktober 2026 beim OP-KONGRESS in Husum vorgestellt. Der Kongress stand unter dem Motto „Führen – Gestalten – Wertschätzen“.

Auf dieser Seite erläutere ich die Folien meines Vortrags Schritt für Schritt. Die Zahlen beziehen sich auf die OTA-Ausbildung. Die Logik lässt sich auf die ATA-Ausbildung übertragen.

Das Gesetz sagt, was und wie viel – nicht wie

Das ATA-OTA-Gesetz verpflichtet die Einrichtungen der praktischen Ausbildung, die Praxisanleitung sicherzustellen. Bis zum 31.12.2028 sind das mindestens 10 Prozent jedes Einsatzes, ab dem 1.1.2029 mindestens 15 Prozent – auch in Kursen, die schon laufen.

Die praktische Ausbildung umfasst 2.500 Stunden. Daraus ergeben sich je Auszubildender oder Auszubildendem 250 Stunden Anleitung, ab 2029 dann 375 Stunden. Außerdem schreibt das Gesetz einen Ausbildungsplan vor und eine Ausbildung, die zeitlich und sachlich gegliedert ist.

Wie die Einrichtung das umsetzt, regelt das Gesetz nicht. Dieses „Wie“ entsteht in der Einrichtung. Von außen wirkt diese Ebene oft wie eine Black-Box.

Der Auftrag wird weitergegeben – und dabei oft unsichtbar

Vom Gesetz bis in den OP-Saal geht der Auftrag über mehrere Stufen:

  1. Die Einrichtungsleitung trägt den Auftrag.
  2. Das Pflege- und OP-Management organisiert ihn und schafft Anleitungszeit.
  3. Die freigestellte Praxisanleitung baut die Struktur auf. Sie ist der Knotenpunkt.
  4. Die Praxisanleitenden im Saal setzen die Planung um.

An den Übergängen zwischen diesen Stufen geht der Auftrag leicht verloren. Sichtbar ist dann vor allem die engagierte Person, nicht die Struktur, in der sie arbeitet.

Die Einrichtung trägt die Verantwortung

Das Gesetz nimmt ausdrücklich die Einrichtung in die Pflicht. Sie hat drei Aufgaben:

  • Sie erstellt den Ausbildungsplan, also das Curriculum der Praxis, und stimmt ihn mit der Schule ab.
  • Sie sichert den Mindestumfang der Praxisanleitung.
  • Sie sorgt für Planmäßigkeit: Die Ausbildung ist zeitlich und sachlich gegliedert.

Die Durchführung übernehmen qualifizierte Praxisanleitende. Sie leiten an, prüfen, stimmen ab und planen. Anders als in der Pflegeausbildung gibt es für OTA und ATA keinen festen Aufgabenkatalog für die Praxisanleitung. Freigestellte Praxisanleitung ist deshalb eine Möglichkeit, diesen Spielraum zu gestalten, aber keine gesetzliche Pflicht. Dabei gilt: Die Einrichtung kann die Durchführung übertragen, die Verantwortung behält sie.

Anleitungszeit ist Arbeitszeit

Anleitungszeit muss im Dienstplan stehen, sonst bleibt sie eine Absicht. Dafür ist das Pflege- und OP-Management zuständig. Pro Praxiswoche (38,5 Stunden) braucht jede und jeder Auszubildende rund 3,9 Stunden Anleitung. Ab 2029 sind es rund 5,8 Stunden.

Ein Beispiel ist der Einsatz in der Viszeralchirurgie. Er umfasst 480 Stunden, also sind 48 Stunden Anleitung vorgeschrieben, ab 2029 dann 72 Stunden. Planung, Abstimmung mit der Schule und Nachweise kommen noch hinzu. Für diese mittelbaren Aufgaben gibt das Gesetz keine Zeit vor.

Der Bedarf ist überall gleich – die verfügbare Zeit nicht

Wie viel Stellenanteil braucht eine Einrichtung? Die Rechnung lässt sich in drei Schritten für jedes Haus machen:

  1. Bedarf: Pro Ausbildungsjahr fallen rund 833 Stunden Praxis an. Bei 10 Prozent sind das 83 Stunden Anleitung, bei 15 Prozent 125 Stunden.
  2. Verfügbare Zeit: In NRW gibt es 2027 nach Abzug von Feiertagen, 31 Urlaubstagen nach TVöD und durchschnittlichem Krankheitsausfall rund 205 Anwesenheitstage. Bei 7,7 Stunden pro Tag und abzüglich 24 Stunden Pflichtfortbildung bleiben netto rund 1.550 Stunden je Praxisanleitung und Jahr.
  3. Stellenanteil: Teilt man den Bedarf durch die verfügbare Zeit, ergibt sich je Auszubildender oder Auszubildendem ein Anteil von rund 0,05 Vollkräften (VK), ab 2029 von rund 0,08 VK. Diesen Wert multiplizieren Sie mit der Zahl Ihrer Auszubildenden.

Das ist eine Mindestrechnung. Sie enthält nur die gesetzlich vorgeschriebene Anleitungszeit und keine mittelbaren Aufgaben. Rechnen Sie mit den Werten Ihres eigenen Hauses.

Geplant wird für die Spitze, nicht für den Durchschnitt

In den meisten Einrichtungen sind mehrere Jahrgänge gleichzeitig in Ausbildung. Ein Modell mit sechs Auszubildenden, also zwei je Ausbildungsjahr, zeigt das Problem:

  • Im Durchschnitt braucht es rund 14 Stunden Anleitung pro Woche, ab 2029 rund 21 Stunden.
  • In einer Spitzenwoche, in der alle sechs gleichzeitig in der Praxis sind, braucht es 23,1 Stunden, ab 2029 sogar 34,7 Stunden. Das ist fast eine volle Arbeitswoche.

Die Struktur muss deshalb auch in den Spitzenwochen tragen. Das gelingt nur, wenn der Phasenplan der Schule, die Jahresplanung der Bereichsleitung und die Planung der Praxisanleitung aufeinander abgestimmt sind. Dann lassen sich Einsätze staffeln und Spitzen ausgleichen.

Freigestellte Praxisanleitung plant in Stufen

Bei der freigestellten Praxisanleitung laufen die Fäden zusammen. Sie ist mit dem Management, mit der Schule und mit dem Saal verbunden. Ihre Planung verläuft in vier Stufen:

  1. Ausbildungsplan: das Curriculum der Praxis, erstellt im Auftrag der Einrichtung
  2. Jahresplanung: durch die Bereichsleitung, auf Grundlage des Einsatzplans der Schule
  3. Monatsplanung: feste Zuordnung von Auszubildenden und Praxisanleitenden
  4. Wochenplanung: Die freigestellte Praxisanleitung erstellt sie, die Leitung genehmigt sie.

Die Leitung entscheidet, die Praxisanleitung plant. Freistellung bedeutet also nicht, dass die Praxisanleitung Personal führt. Im Wochenplan steht dann konkret, wer wen wann wo mit welchem Lernziel anleitet. Damit wird Anleitung für das ganze Team sichtbar, und die Einrichtung kann sie nachweisen. Das funktioniert nur interprofessionell, also in Abstimmung mit dem OP-Team und dem ärztlichen Dienst.

Warum diese Zeit geschützt sein sollte, zeigt eine Fallstudie aus der Pflegeausbildung. Bei Personalmangel wurde Praxisanleitung in die Versorgung abgezogen. Die Anleitung verlagerte sich dann in Überstunden oder lief nebenher (Bär et al., 2024).

Struktur wirkt im Saal

Der Ertrag zeigt sich im OP-Saal. Dabei unterscheide ich bewusst zwischen dem, was belegt ist, und dem, was ich begründen, aber noch nicht belegen kann.

Ausbildungsqualität (empirisch gestützt):

  • Bei Personalmangel wird Anleitung zugunsten der Versorgung verdrängt (Bär et al., 2024).
  • Fehlende Unterstützung im Praxiseinsatz kann Gedanken an einen Ausbildungsabbruch auslösen (Winter, 2019).
  • Mitarbeitende Praxisanleitende stehen zwischen Ausbildung und Versorgung. Geplante Zeiten entlasten diesen Rollenkonflikt (Fellenberg & Rebel, 2025).

Die Studien stammen aus der Pflegeausbildung. Für die OTA-Ausbildung gibt es bisher keine eigenen Untersuchungen.

Versorgungsqualität (begründete Annahme, noch nicht gemessen):

  • Auszubildende handeln seltener unbegleitet.
  • Das Saalteam muss sich nicht zwischen Patientin oder Patient und Auszubildenden aufteilen.
  • Standards werden einheitlich weitergegeben.

Hinzu kommt ein rechtlicher Vorteil: Eine geplante Anleitung macht den Mindestumfang nach § 20 Abs. 2 ATA-OTA-G nachweisbar.

Mein Fazit: viel Klärungsarbeit und viel Gestaltungsspielraum

Aus dem Vortrag und der anschließenden Diskussion nehme ich vier Punkte mit:

  • Begriffe: Was freigestellt, hauptamtlich oder zentrale Praxisanleitung genau bedeutet, ist bis heute nicht geklärt.
  • Chance: Der Gesetzgeber regelt diese Rolle nicht. Deshalb kann jede Einrichtung sie passend zu den Bedürfnissen ihres Arbeitsplatzes gestalten.
  • Tragfähigkeit: Damit die Freistellung dauerhaft trägt, muss sie mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen hinterlegt werden.
  • Offene Frage: Muss eine freigestellte Praxisanleitung ein pädagogisches Studium haben? Die Diskussion dazu war kontrovers, und die Frage bleibt offen.

Wie gestalten Sie die Praxisanleitung in Ihrem OP? Über das Kontaktformular freue ich mich auf den Austausch mit Ihnen.

Op Kongress 2026 Suehling Freigestellte Praxisanleitung Pptx

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Freistellung ist keine reine Ressourcenfrage, sondern eine Strukturentscheidung. Sie lässt sich rechtlich, rechnerisch und qualitativ begründen. 

Meine Empfehlung an die Einrichtungen: Machen Sie den Auftrag sichtbar, also seinen Inhalt, seinen Umfang und wer dafür zuständig ist.

Wer anleitet, handelt im Auftrag.

„„Ermöglicht wird Qualität durch Struktur – entstehen tut sie im Saal.“

Claudia Sühling B.A Berufspädagogik